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Ein Gedankenzug

Drei Tage bei der Global Conference von Planetworkshops in Evian

Von Martin Renard

Foto: ©karindalziel


Bahnhöfe sind Symbole.

Millionen von Menschen bewegen sich täglich durch sie hindurch, aus Millionen unterschiedlichen Gründen. Bahnhöfe repräsentieren sowohl den Anfang als auch den Höhepunkt einer Reise. Doch am Montag vor einer Woche standen Hunderte von Leuten aus einem gemeinsamen Grund am Gleis 8 des Gare de Lyon in Paris in einer Schlange. Der Sonderzug von Planetworkshops, in den sie einstiegen, war für Offizielle der Regierung, non-profit Mitarbeiter, Geschäftsleute, Journalisten und andere reserviert. Während die Frage, die im Raum stand, eindeutig war („Was für Revolutionen brauchen wir, um unseren gefährdeten Planeten zu regieren?”), schien die Antwort schmerzlich ungewiss.

„Wir reden gerne, aber lösen keine Probleme”


Einmal eingestiegen, war allen klar, dass dies ein besonderer Zug war. Die Schuhe waren blank geputzt und man lächelte gutgelaunt, während man die Gesichter und Plaketten der anderen musterte und typische Kennenlernfloskeln austauschte. Auch die üblichen Sorgen wie: „Könnten Sie mal kurz auf mein Gepäck aufpassen?”, „Wir werden gar keine Zeit zum Essen haben”, und „Wo ist eigentlich die Bar?” waren vorherrschende Gesprächsthemen.      

Doch sechs Stunden später in Evian drehten sich die Gespräche um ganz andere Themen wie friedliches Zusammenleben, Regierungsführung, und wie dringend man nun endlich umweltpolitische Maßnahmen einleiten muss. Die beiden mit der meisten Spannung erwarteten Gäste eröffneten die Konferenz, und ersparten der Versammlung weder kritische noch leidenschaftliche Worte:

„Die ägyptische Revolution war keine Facebook-Revolution”, versicherte Gigi Ibrahim, die als eine der wichtigsten Figuren des „Arabischen Frühlings” von 2011 bezeichnet wird. Die ‘Bürgerjournalistin’ bezog sich auf die wachsenden Proteste gegen Mubaraks Regime, wobei die Revolution für sie einen natürlichen Schritt hin zur Demokratie repräsentiert. „Wir haben die Kraft und die Hoffnung. Wir müssen uns nur organisieren.”


Kapitän Paul Watson harpunierte das Publikum später mit einer vernichtenden Kritik gegen „Meetings”: „Wir reden gerne, aber wir lösen keine Probleme.” Der Kapitän - weltweit bekannt für seinen Einsatz für den Schutz der Ozeane der Welt - stellte auch die menschlichen Antriebskräfte, die Veränderung bewirken können, heraus: Leidenschaft, Vorstellungskraft und Mut. Wenn die Versammlung nicht weiter kommen würde, als bloß den Aktivisten zu applaudieren, würden ihre Worte nicht gerade von durchschlagender Wirkung sein.

„Ein Grundgesetz für die Zukunft”

Die Problematik, der wir Menschen uns heute stellen müssen, ist komplex. Während wir mit den sozialen Umbrüchen beschäftigt sind, die sich wie Öl durch den Golf von Mexiko ausbreiten, oder einer Finanzkrise in den USA, deren Verschuldungsgrad ungefähr so besorgniserregend ist wie der radioaktive Niederschlag in der Gegend um Fukushima, suchen wir nach einem neuen Plan für eine Weiterentwicklung. Wie Bettina Laville es zusammenfasste, müssen wir ein Grundgesetz für die Zukunft entwerfen, das sich auf folgende Parameter konzentriert:

• Es muss ein unmittelbares Modell sein, das auch langfristige Perspektiven umfasst
• Auf globale Probleme muss auf lokaler Ebene reagiert werden
• Die Menschen müssen im Herzen der Aktion stehen


„Um Entscheidungen zu treffen, brauchen wir einen zuverlässigen Prozess, innerhalb dessen sie entstehen können.” Diese Worte von Karl Falkenberg nehmen kein Blatt vor den Mund: Wenn wir ein nachhaltiges Entwicklungsmodell formen wollen, müssen wir unseren Verstand einsetzen. „Aber wir werden es auch tief in unserem Innersten fühlen müssen” fügt Nick Robins hinzu. „Unser kollektives Gespür für Moral hat sich herausgebildet.” „Wir alle haben die Möglichkeiten, Foren zu schaffen” und „voneinander zu lernen”. Also sind sich alle über den Stand der Dinge einig. Aber wie machen wir daraus nun eine Lösung?

„Vom unendlich Erweiterten zum unendlich Begrenzten”

Der, der ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein: nach einer langen Zugreise von Berlin über Paris nach Evian kam ich um zehn Uhr morgens am ersten Tag der Konferenz an, und hatte damit bereits die Diskussion über „Spiritualität und Nachhaltigkeit” verpasst. Am nächsten Tag schnappte ich am Mittagstisch über Gänseleberpastete und wunderbarem Spätburgunder einige Gesprächsfetzen auf: „Eine kreisförmige Vorstellung von menschlichen Beziehungen sollte über eine pyramidenförmige vorherrschen.” Die Moral von der Geschichte? Wir müssen verstehen, wie Menschen funktionieren, um ein wirklich nachhaltiges System zu erschaffen.

Revolutionen, die über Facebook koordiniert werden, und der Rückgang der Journalismusindustrie zeigen, dass soziale Netzwerke nun die zentralen Schauplätze öffentlicher Äußerungen sind. Eric Giuily und Herve Dinge zufolge fördern sie Verbindungen zwischen den Menschen durch einen ganzheitlichen Ansatz: alles ist eins. Einrichtungen können sich nicht leicht dazu durchringen, auf diesen Zug aufzuspringen, wie Pascal Husting von Greenpeace nachweist und hinzufügt, dass wir Wege finden müssen, uns mit unseren Verbündeten vorort zusammenzuschliessen - mit denen, die draußen auf der Straße für eine bessere Welt kämpfen.

Als jedoch die Frage: „Würde jeder von euch sein monatliches Gehalt offenlegen?” gestellt wurde, verfiel der Raum in Schweigen.
Aber ist es denn wirklich notwendig, ökonomische und finanzielle Einflüsse zu dämonisieren? Nein: sie werden ein integraler Teil der Veränderungsmaschinerie sein. Wenn wir eine Form für unser Modell suchen, muss sie sowohl das unendlich Große als auch das unendlich Kleine umfassen. Wir haben alle Werkzeuge und all das Wissen, das wir brauchen: es ist einfach Zeit, sich zu mobilisieren.


©Semmy Demmou and Abdou Diouri

 
„Wir sind Tiere. Wir sind menschliche Tiere.”

Menschen, wie alle Tiere, unterliegen den Gesetzen der Evolution. Das kollektive Bewusstsein verändert sich, und einige Delegierten der Konferenz beschrieben, auf welche Weise:

Céline Alleaume erklärte, wie eine bekannte Bank in England beobachtete, dass viele Kunden zu Genossenschaftsbanken wechselten - nicht nur aus Angst, sondern um in den Geist des Teilens zu investieren. Die bürgerliche Gesellschaft verurteilt und stimuliert Veränderungen gleichzeitig.

Die afrikanische Jugend, die nach Jahren der Diaspora im Ausland nach Hause zurückkehrt, erfüllt den Kontinent mit neuem Leben. „Afrika ist nicht das Problem, sondern die Lösung”, sagt Isidore Mvouba. Auf allen Gebieten macht Afrika Fortschritte und drängt internationale Organisationen, das gleiche zu tun. Es gibt noch viel zu tun, aber der Prozess ist auf den Weg gebracht worden.

Ein Kind repräsentierte 1992 in Rio die Hoffnung auf eine nachhaltige Zukunft für die UN. Der Ton von Severn Cullis-Suzukis Rede von 2011 ist ein anderer, doch die Botschaft ist zeitlos: „Wir sind menschliche Tiere (…), die durch eine gemeinsame Bestimmung miteinander verbunden sind.” Wäre es nicht effizienter, zu der grundlegenden Variablen, der Natur des Menschen, zurückzukehren, anstatt sich in der komplexen Gleichung eines Nachhaltigkeitsmodells zu verlieren?

 

©Semmy Demmou and Abdou Diouri

„Wir haben ein vereintes System fragmentiert”

Ich würde zusammenfassen, dass es der Fehler der Menschen ist, das Einfache zu verkomplizieren, das Ganze zu unterteilen. „Wir haben ein vereintes System fragmentiert”, fasst Pierre Rabbi zusammen, der Landwirt, den das Establishment lieber als Philosophen bezeichnet. Die Vision der Menschheit geht im Spektrum von Kategorien und Unterkategorien, die sie kreiert, verloren. Beziehen sich Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt und all ihre Verästelungen nicht am Ende auf die gleiche Realität?

Es ist eine Frage des Vokabulars. Also sollten wir unsere Terminologie strukturieren. In die Zukunft blicken. Die Generation, die heute Stellung bezieht, ist mit Umweltschutz als zentralem Thema aufgewachsen, und instabile Regierungen müssen verstehen, dass sie nun auf Erlaubnis zum Handeln warten. Leiden wir nicht bereits unter der logischen Trennung zwischen der Menschheit und ihren Aktionen?

Revolutionen finden auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen und an dem Bahnhof, an dem die Konferenz von Evian zum völligen Stillstand kommt, statt. Es wäre nicht wirklich korrekt, zu behaupten, dass diese drei Tage unsere Anführer in Revolutionäre verwandelt haben. Trotz des generellen Konsens, dass etwas geschehen muss, werden wir vielleicht niemals die Antwort finden, sondern es ist vielleicht wahrscheinlicher, dass diese von der Straße kommen wird.

Wie auch immer, wir müssen uns beeilen, die Uhr tickt. Wie Prinz Albert von Monaco so schön sagt: „Wir müssen uns schleunigst bewegen.”

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