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Gegen den Wind und die Gezeiten

 

Wo auch immer Kapitän Paul Watson auftaucht sind kontroverse Diskussionen nicht weit.

Und der Kapitän sagt, er mag es so. Als eines der ersten Mitglieder von Greenpeace wurde Watson später durch die Uneinigkeit über seine aggressiven Methoden verdrängt. Heute ist der Umweltaktivist Kopf der Sea Shepherd Conservation Society, wo er seine umfassend dokumentierten Schlachten für diejenigen fortführt, die er als Opfer der Weltmeere sieht.

Ecosia hat Watson auf der Global Conference in Evian, Frankreich, getroffen und mit ihm über direkte Aktionen, NGOs und die Medien gesprochen.

Foto: ©semmy-demmou

Ecosia: Herr Watson, danke, dass Sie mit uns sprechen. 

Paul Watson: Kein Problem.

E: Sie und Ihre Organisation, die Sea Shepherd, sagen, Sie sind verpflichtet die Weltmeere zu schützen auch wenn das bedeutet, dass Sie selbst in Gefahr geraten. Wo ziehen Sie die Grenze?

W: Wir töten niemanden. Wir haben in unserer 35-jährigen Geschichte keine einzige Person verletzt, das ist unsere einzige Regel. Martin Luther King schrieb einmal, man kann keinen Gewaltakt gegen ein lebloses Wesen begehen. Eine Waffe, Harpune oder etwas, was ein empfindungsfähiges Wesen töten kann zu zerstören, ist also eigentlich ein gewaltfreier Akt. Aber wenn du in einer Gesellschaft lebst, in der Besitz heiliger ist als ein Leben, dann ist die Interpretation wohl, dass es gewalttätig ist.

Außerdem sind wir niemals verurteilt worden. Es gibt die Vorstellung, dass wir das Gesetz brechen, aber wir agieren nur gegen Länder und Kooperationen, die selbst das Gesetz brechen, und anscheinend wollen sie vor Gericht. Zum Beispiel zerstörten wir 1986 die Hälfte der isländischen Walfangflotte und deren Aufbereitungsanlage. Das waren 10 Millionen Dollar Schaden. Sie nannten es Terrorismus, sagten, es sei ein Verbrechen. Also kam ich nach Island und wollte mich einsperren lassen, aber sie sagten mir, ich solle das Land verlassen, weil sie sich nicht selbst vor Gericht stellen lassen wollten.

E: Sie waren bei der Gründung von Greenpeace vor 40 Jahren dabei. Wie geht es Ihnen heute damit?

W: Ich mag keine großen Organisationen. Sie werden zu Bürokratien. Greenpeace erreichte in den 70er Jahren mit kleinem Budget mehr, als heute mit 400 Millionen Dollar. Das große Budget hat die Leidenschaft und Fantasie der Leute ersetzt, alle von ihnen wurden gefeuert oder sind gegangen. Es gibt nicht einen einzigen ursprünglichen Greenpeacer bei Greenpeace, der links ist. Das ist nicht das Greenpeace, was ich kenne. Das ist eine multinationale Vereinigung, die sich irgendwie „Greenpeace“ nennt.

E: Also, wenn große Organisationen sich erfolgreich für die Umwelt einsetzen oder durch Kooperationen Veränderungen zum Guten bewirken, dann sehen Sie das als reine Zweckerfüllung?

W: Ich denke, in jeder Bewegung liegt die Stärke in der Vielfalt. So wie auch die Stärke eines Ökosystems. Der Ansatz können Rechtsstreite, Gesetzgebung, Bildung, direkte Aktionen und so weiter sein. Aber dann gibt es den Teil, der die Bewegung kooptiert. Es wird die rentable Seite der Bewegung. Sie existiert, um sich selbst aufrecht zu erhalten. Und die meisten der großen Organisationen werden genau so.

Dian Fosseys Leidenschaft war es, Berggorillas in Ruanda zu schützen; Ian Douglas Hamilton arbeitet mit Elefanten in Kenia: Das sind die Leute, die den Unterschied machen. Und unglücklicherweise kommen diese Organisationen und sagen: „Hier sind 10.000 Dollar. Wir unterstützen dich.“ Dann gehen sie zu ihren Mitgliedern: „Diese Leute machen die Arbeit für uns.“ Und Millionen Dollar kommen rein. Für mich ist das die totale Ausbeutung.

E: Sie sagen also, das Problem taucht auf, sobald die Struktur wichtiger wird als der eigentliche Zweck?

W: So ist es. Manchmal fühle ich mich wie Doktor Frankenstein, der geholfen hat, das große grüne Greenpeace-Monster zu schaffen. Jetzt existiert es sich selbst wegen. Und dieser neue Chef aus Südafrika kam und sagte, dass Greenpeace sich jetzt um die Armut weltweit kümmern muss. Was heißt das jetzt? Wird Greenpeace das Rote Kreuz? Oder Oxfam? Man kann keine Umweltprobleme lösen, indem man sich um die Armut kümmert. Umweltprobleme verursachen die Armut. Also müssen wir die Umweltfragen zuerst lösen. Es gibt einfach nicht genügend natürliche Ressourcen auf dem Planeten, um die weltweite Armut zu bekämpfen. Das ist einfach ein endloses Spiel.

E: Sie scheinen eine klare Unterscheidung zwischen ökologischen und sozialen Problemen zu machen, aber sind diese Themen nicht beide Teil des  Ungleichgewichts?

W: Nun ja, ich denke, die sozialen Probleme sind zweitrangig hinter den ökologischen. Jeder Ansatz sollte die Rechte und Sorgen aller Spezies umfassen. Sogar der menschliche Körper ist eigentlich ein Symbiont aus Millionen anderen lebenden Organismen. Wir können nicht länger diese anthropozentrische Denkweise vertreten, dass Menschen alles sind was zählt. Wir müssen alle anderen Erdlinge einbeziehen und wenn nicht, werden wir ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Gestern haben Sie über die Revolution in Ägypten gesprochen. Ok, das ist alles sehr nett und so, aber wissen Sie, was ich finde, dass jeder unterdrückter Mensch nur ein Haufen derer ist, die warten, jemand anderen zu unterdrücken. Sobald sie Macht haben, werden wir die nächste Bürokratie haben, gegen die anderen Menschen rebellieren werden und so weiter und so fort. Das ist also nicht die Lösung.

E: Was können Individuen tun, um nachhaltige Veränderung anzustiften?

W: Sie können ihre individuellen Fähigkeiten und Talente nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Es ist egal, ob du ein Anwalt, Autor, Reporter, Architekt oder sonst was bist, so lange du dir selbst die Frage stellst: „Was bedeutet das, was ich mache, für morgen?“ Es ist die Philosophie der Irokesen: Triff keine Entscheidung, bevor du nicht die Konsequenzen aller nachfolgenden Generationen in Betracht gezogen hast. Das als Grundlage würde einen großen Unterschied machen.

E: Kommunikation ist ein wichtiger Katalysator für Veränderung, aber wie legen wir den richtigen Maßstab für den Aufwand fest? Was ist Ihre Vision für die Medien?

W: Ich denke, eines der Probleme ist, dass Journalisten oft ihren Weg verlassen, um Objektivität vorzutäuschen, wo es eigentlich keine gibt. Jeder hat eine Agenda. Der erste Schritt ist also zu begreifen, dass du nicht objektiv bist, aber versuchst, so nah wie möglich an den Fakten zu bleiben und diese Information so gut wie möglich zu kommunizieren, und zu sehen, dass du damit niemanden glücklich machen wirst. Faktisch glaube ich nicht, dass man irgendetwas in der Welt tun kann, ohne sich eine Schar von Feinden zu schaffen. Ich messe unseren Erfolg an der Zahl der Leute, die uns hassen.

E: Irgendwelche Abschiedswörter für die Global Conference?

W: Nun, ich habe wirklich nur eine Botschaft und die ist, dass Menschen begreifen, dass wir auf dieser Welt mit toten Meeren nicht leben können. Wenn die Ozeane sterben, sterben auch wir. Und, dass die Leute sich dafür einsetzen sollen. Wir lieben Kongresse, weil wir dann das Gefühl haben, dass wir wirklich etwas tun. Und man kann zu Leuten sprechen, die dann vielleicht einige der Probleme als Individuen angehen.

Der Dokumentarfilm “Bekenntnisse eines Öko-Terroristen” berichtet über die Sea Shepherd und startet diesen Donnerstag in den deutschen Kinos. Mehr Infos

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