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Kinder des Zorns: Im Gespräch mit Gigi Ibrahim

©  CC, Al Jazeera English

Während der Arabische Frühling in den ersten Tagen aus einer kleinen Gruppe von Ägyptern bestand, die die Stimme der Revolution auf die Straße und ins Netz brachten, waren es wenige Tage später Hunderttausende, die mit ihnen den Tahrir-Platz besetzten. Gigi Ibrahim ist eine dieser “Bürgerjournalistinnen” und politische Aktivistin, die im Schatten für die Demokratie kämpfen.

Ein Interview mit einem Symbol dieser Generation.

Ecosia: Was ist dein Gefühl über die Situation in Ägypten seit die Revolution begann?

Gigi: Das Beste, was sich seit Mubaraks Rücktritt verändert hat, ist, dass die Menschen keine Angst mehr haben. Sie mobilisieren sich und sind immer noch draußen auf den Straßen und machen ihre Forderungen laut. Die Stimmung auf der Straße wird zunehmend stärker, die Leute sind im Laufe dieses Übergangsprozesses noch entschlossener, organisierter und professioneller geworden. Ich sehe der Zukunft voller Hoffnung und Optimismus entgegen, weil wir es geschafft haben, diesem korrupten Regime den Kopf abzuschlagen - aber der Rest des Körpers ist immer noch da.

Ecosia: “Dem Regime den Kopf abschlagen”. Glaubst du, dass eine Gesellschaft, die eine Revolution durchführt und Veränderungen für das gesamte System in die Wege leitet, wirklich so schnell neue Grundlagen schaffen kann?

Gigi: Dieser Prozess wird sehr lange dauern. Und natürlich gibt es die Sorge, ob wir das System, was wir abzuschaffen versuchen, statt dessen nur wieder neu produzieren. Deswegen haben viele Organisationen keine Anführer. Die Leute ergreifen die Initiative und werden innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften aktiv, an ihrem Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Es ist alles sehr dezentralisiert. Ich denke, dass Ägypten im Moment versucht, ein neues Modell für Veränderung aufzubauen, und neue Strukturen zu schaffen, in denen die Menschen innerhalb ihrer Gemeinschaften die richtige Demokratie leben. Das ist vergleichbar mit unabhängigen Gewerkschaften, die versuchen, die Leiter von Krankenhäusern oder Universitäten zu entlassen und für ihre Vergehen im Amt anzuklagen, um dann Wahlen abzuhalten und jemanden zu berufen, dem sie vertrauen und der am besten in diese Position passt. Jemand, der nicht korrupt ist. Sie fordern Transparenz und Präsenz in den politischen Entscheidungen, die ihr tägliches Leben bestimmen.

Ecosia: Ich würde gern mehr über Ägypten erfahren, über die Kultur dort, und über die Länder, die du bereist hast. Hast du eine Vermutung, was in solchen Situationen gesellschaftlich den Wendepunkt ausmacht?

Gigi: Es kommt alles wie ein perfekter Sturm zusammen, du brauchst die perfekten Zutaten, um ihn zuzubereiten. Das Wichtigste ist das Wissen, dass alle noch so kleinen Dinge, die wir tun, sich summieren und aufschaukeln. Als das alles in Tunesien passierte, brachten die Menschen durch den Prozess der Revolution den Glauben an Veränderung zurück, durch die Massen und durch die Macht der Bürger. Dann ergriffen wir als Aktivisten diese Gelegenheit beim Schopf und riefen zu einem Tag der Massenproteste auf. Wir haben in Ägypten so viel aufgebaut, wir mobilisieren ständig die Leute in den Straßen. Sogar in kleinen Gruppen, ich meine… 20 bis 50 Leute bei jedem einzelnen Protest, und meistens sogar die gleichen 20 bis 50 Leute. Also, jede Situation und jedes Unternehmen, jedes Land… jede Gesellschaft ist verschieden, aber das eine, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sich alles akkumulieren und gemeinsam zu einer großen Sache anwachsen kann, wenn man nur daran glaubt, denke ich.

Ecosia: Wir haben gesehen, dass viele abendländische Länder und Unternehmen an der Zensur im Mittleren Osten beteiligt waren. Meinst du nicht auch, dass das Problem des Systems nicht nur ein lokales, sondern ein globales ist? Was sollen wir tun?

Gigi: Das System, das wir in Ägypten und der arabischen Welt bekämpfen, besteht nicht nur aus Diktaturen. Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus sind die Supermächte, die die Welt unter Kontrolle halten. Schließlich sind sie es, die diese Diktatoren gefördert und so lange an der Macht gehalten haben. Das wird sich nur ändern, wenn wir, also die Bürger der ersten und der dritten Welt, verstehen, dass die Welt verbunden ist, und versuchen, das zu verändern. Wir sind diejenigen, die die Macht haben. Wenn wir aufhören, sie zu bezahlen, wenn wir unsere Art zu leben ändern, wird das nicht nur Auswirkungen auf unsere eigenen Leben haben. Es wird die Leben aller verändern, besonders derer, die am meisten leiden.

Dokumentation Tahrir, Liberation Square von Stefano Savona

Es geht nicht darum, dass Obama, Sarkozy oder wer auch immer an der Macht ist. Sie wurden mächtig, weil wir es ihnen erlaubt haben. Wenn wir ihnen diese Macht gegeben haben, können wir sie auch wieder zurücknehmen. Als Individuen realisieren wir oft nicht, dass es von uns abhängt. Jede einzelne Person, jedes Individuum, hat die Wahl, Besseres zu verlangen. Wenn wir das in einem Kollektiv durchführen, könnte das größer sein als jedes globale System. Also, ich würde sagen, fangen wir an, für unsere eigenen Rechte in unseren eigenen Gemeinschaften zu kämpfen, und das wird über seine Grenzen hinauswachsen und die Welt befreien.

Ecosia: Was wäre für dich persönlich der nächste Schritt für Ägypten und den Rest der Welt?

Gigi: Ich denke, der Schlüssel ist, in allem, was du tust, deine Leidenschaft zu finden. Ob deine Leidenschaft der Ozean ist oder die Erde oder Arbeiterrechte oder Menschenrechte… Für mich, für Ägypten, ist meine politische Ideologie und meine Vision, dass die Arbeiterklasse, die Arbeiterbewegung, das Rückgrat dieser Revolution ist. Für mich ist es essentiell für die Revolution, diese Bewegung lebendig zu halten und meine ganze Kraft in sie zu investieren. Das ist meine persönliche Entscheidung. Ich arbeite eng mit Organisatoren der Arbeiterschaft zusammen, um Gewerkschaften aufzubauen und zu etablieren. Wir bauen eine demokratische Arbeiterpartei auf, und dieser revolutionäre Block wird die nächste Phase der Revolution leiten, und die könnte sehr kämpferisch werden. Vor der Revolution gab es drei unabhängige Gewerkschaften, jetzt haben wir über 90. 
Anderen Leuten liegt vielleicht eine andere Sache am Herzen, und es ist gut, dass manche Menschen sich darauf konzentrieren, militärische Gerichtsverhandlungen für Zivilisten zu stoppen. Das ist ihr Ding, an dem sie arbeiten. Und wir koordinieren uns und treffen uns, planen Projekte und organisieren sie zusammen. Es ist sehr wichtig, das nicht nur innerhalb Ägyptens, sondern auch auf einem globalen Level aufzubauen.
Es gibt viele Bewegungen, mit denen wir in Kontakt stehen, z.B. in London, Spanien oder Kalifornien. Wir brauchen Leute in Frankreich, Griechenland und Italien… überall sozusagen. Um uns gegenseitig zu unterstützen.

Gigi Ibrahim auf Twitter und in ihrem Blog.

Das Interview wurde geführt von Shannon Smith und Martin Renard während der Global Conference in Evian, Frankreich am 28. September 2011.

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